Aktuelles aus Geretsried
„Eine Stadt, die ihre Geschichte kennt, ist eine Stadt, die ihre Zukunft in der Hand hat.“ Mit diesen Worten würdigte Erster Bürgermeister Michael Müller das ehrenamtliche Engagement des Arbeitskreises Historisches Geretsried (AHG). Die Mitglieder waren die Ehrengäste bei der großen Jahresabschluss-Feier des Stadtrates am 9. Dezember 2025 im Ratsstubensaal. Bürgermeister Müller übermittelte den Dank und die Anerkennung der Stadt Geretsried für die jahrzehntelangen Leistungen des Arbeitskreises. Er überreichte eine Urkunde und 1000 Euro für Projekte.
In der Laudatio sagte der Bürgermeister:
»Eine Stadt lebt von ihrer Fähigkeit, Zeit zu verstehen – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft miteinander zu verknüpfen. Geretsried ist dafür ein beeindruckendes Beispiel: Eine Stadt der Neuanfänge, eine Stadt, die aus Brüchen entstanden ist, aus Landwirtschaft, Industrie, Vertreibung, Wiederaufbau – und heute eine moderne, urbane, selbstbewusste Stadt ist.
Dieses Bewusstsein fällt nicht vom Himmel. Es braucht Menschen, die der Stadt ein Gedächtnis geben.
Seit 20 Jahren gibt es in Geretsried eine Gruppe von Menschen, die sich dieser Verantwortung stellt – ehrenamtlich, beharrlich, mit wissenschaftlicher Sorgfalt und mit einer tiefen Verbundenheit zu dieser Stadt. Der Arbeitskreis Historisches Geretsried ist heute eines der verlässlichsten, anerkanntesten und wirkmächtigsten bürgerschaftlichen Projekte, das wir haben.
Geretsried ist keine Stadt, deren Geschichte man an alten Marktplätzen, mittelalterlichen Straßen oder jahrhundertealten Fassaden ablesen kann. Unsere Geschichte ist anders – fragmentiert, zerstört, neu begonnen, mehrmals hintereinander.
Und genau deshalb braucht es Menschen, die tiefer graben – im Archiv, in Quellen, in Erinnerungen. Menschen wie Dr. Wolfgang Pintgen und Werner Sebb, und alle, die im Arbeitskreis seit zwei Jahrzehnten mitarbeiten. Sie haben mit Ihren Publikationen die Geschichte unserer Stadt systematisch erschlossen, Stück für Stück.
Wer heute verstehen will,
· was hier in den Rüstungswerken geschah,
· wie aus einem Weiler eine Industriestadt entstand,
· wie sich 1950 und 1970 die Identität des Ortes radikal veränderte,
· wie Integration, Migration und Neuanfang Teil unserer DNA wurden,
der kommt an Ihrer Arbeit nicht vorbei.
Ihre Hefte zur Rüstungsgeschichte gehören – ohne Übertreibung – zu den wichtigsten heimatgeschichtlichen Arbeiten der Region. Dass Sie sich bewusst dagegen entschieden haben, ein 1200-Seiten-Standardwerk zu schreiben, hat sich als kluge, mutige und inhaltlich richtige Entscheidung erwiesen: Wissenschaft lebt von Aktualisierung, nicht von Monumenten.
Die Erzählung unserer Stadt – das Fundament für ein neues Selbstbild
Geretsried ist eine der jüngsten Städte Bayerns – und gleichzeitig eine der geschichtsträchtigsten. Aber lange Zeit war unser Selbstbild zu schmal: Wir haben uns fast ausschließlich als „Vertriebenenstadt“ verstanden.
Das war wichtig. Es war richtig. Und es war Teil einer kollektiven Identität, die dieser Stadt Stabilität gegeben hat.
Aber eine Identität, die sich nur aus Vergangenheit speist, wird irgendwann zu eng.
Ihre Forschung macht sichtbar, was Geretsried wirklich ist:
· ein Ort des Ankommens,
· ein Ort der Neuanfänge,
· ein Ort, der Wandel nicht fürchtet, sondern hervorbringt.
Dieses Verständnis hilft uns heute – bei Stadtentwicklung, Kulturarbeit, Integration, bei der Frage: Wer wollen wir sein?
Geretsried ist nicht mehr die Stadt der Heimatlosen. Geretsried ist die Stadt derer, die Heimat schaffen. Immer wieder neu.
Sie haben mit Ihrer Arbeit den Boden bereitet für das neue Narrativ, das wir als Stadt entwickeln: Geretsried – eine Stadt, in der Natur, Industrie, Vielfalt und Zukunftssinn zusammenkommen.
Erinnerung als Auftrag für die Zukunft
Der Arbeitskreis arbeitet nicht museal. Sie arbeiten nicht für verstaubte Regale. Sie arbeiten für eine Stadt, die begreifen will, woher sie kommt – um zu entscheiden, wohin sie geht.
Ob die Dokumentation der Wegkreuze, die Erforschung der Montgelas-Reformen, die Analyse der amerikanischen Militärakten, die Arbeiten zur Industrialisierung oder die jüngste Bergung des Einmannbunkers auf der Böhmwiese: Ihre Arbeit ist nicht Rückspiegel – sie ist Navigationsgerät.
Denn Erinnerung ist keine nostalgische Pflicht. Erinnerung ist ein Werkzeug der Zukunft.
Die Menschen dahinter – Engagement, das man nicht ersetzen kann
Wir alle wissen: Solche Arbeit entsteht nicht nebenbei. Sie entsteht in Wohnzimmern, in Kellern voller Ordner, in Archiven, auf Gesprächsbänken mit Zeitzeugen, bei Ortsbegehungen im Regen, bei nächtelanger Recherche.
Sie entsteht durch Menschen, die nicht loslassen – weil sie wissen, dass diese Stadt ein Gedächtnis braucht.
Sie, liebe Mitglieder des Arbeitskreises, haben aus einer Handvoll Engagierter eine Institution gemacht, die weit über die Stadtgrenzen hinaus sichtbar ist. Und Sie tun das unter Bedingungen, die heute fast schon selten geworden sind: Freiwillig. Unentgeltlich. Ohne Anspruch auf Applaus.
Deshalb möchte ich heute – im Namen des gesamten Stadtrats und der Verwaltung – eines sagen, klar und ohne Einschränkung:
Geretsried ist der Arbeitsgruppe Historisches Geretsried zu großem Dank verpflichtet. Ohne Sie wäre diese Stadt ärmer – kulturell, historisch, identitär.
Blick nach vorn – Geschichte, die weitergeschrieben wird
Die kommenden Jahre werden neue Aufgaben bringen:
· Die Kulturmeile als lebendiger Geschichtsraum.
· Neue Formen des Erinnerns im urbanen Raum.
· Weitere Publikationen, die unsere Geschichte breiter öffnen – nicht nur Rüstungswerk, sondern Integration, Vereine, Industriepioniere, ländliche Ursprünge, Migration der Gegenwart.
· Der Erhalt des Einmannbunkers als sichtbare Mahnung gegen Krieg und Diktatur.
Alles das wird nicht ohne Sie gelingen.
Geretsried steht vor großen Veränderungen – und jede Veränderung braucht ein geschichtliches Fundament. Sie legen es.
Und deshalb sage ich: Die nächsten 20 Jahre werden mindestens so wichtig wie die vergangenen.
Zum Jubiläum gratuliere ich Ihnen herzlich. Zum Geleisteten spreche ich Ihnen unseren Dank aus. Und für das, was kommt, verspreche ich Ihnen: Die Stadt wird Ihre Arbeit weiter unterstützen – ideell, organisatorisch, wo immer möglich auch finanziell.
Denn eine Stadt, die ihre Geschichte kennt, ist eine Stadt, die ihre Zukunft in der Hand hat.«
Auf dem Foto: Bürgermeister Michael Müller (4. v. li.) würdigte den ehrenamtlichen Einsatz von (v. li.) Werner Sebb, Gerhard Fichter, Thomas Holzer, Dr. Wolfgang Pintgen, Gerhard Aumüller, Kerstin Hartmann und Alexander Jochum.